4 einfache Tipps für weniger Anhaftung an Besitz

4 einfache Tipps für weniger Anhaftung an Besitz

Haste was, biste was. Haben kommt von halten. Es ist tief in unseren gesellschaftlichen Genen verankert, dass es wichtig ist, Besitz anzuhäufen. Lesen Sie, wie Sie weniger daran haften und so mehr Freiheit erlangen.

Das Haus, das Auto, das zweite Auto, der 50-Zoll-Fernseher, ein Rennrad oder ein Motorrad. Dazu diverse Handys und ein ganzer Haufen Schnickschnack. So sieht der durchschnittliche deutsche Haushalt in etwa aus.

Je nach finanzieller Situation reicht diese Aufstellung dann vom Seat Ibiza bis zum Porsche Panamera, von der Eigentumswohnung bis zur Vorstadtvilla. Ob groß, ob klein, ob günstig oder auch exklusiv, alle wollen ihn: den Besitz.

Ganz grundsätzlich ist Besitz nichts Schlechtes, für sich genommen ist er einfach neutral. Wie immer im Leben, und vor allem im Buddhismus, ist es unsere Einstellung dazu, die problematisch ist. Konkret ist es die Anhaftung am Besitz, die schlecht ist. Doch was bedeutet diese Anhaftung überhaupt?

Nehmen wir an, Fred möchte einen Porsche fahren. Er verbindet das sogar mit einem konkreten Ziel, wie z.B. „mit 40 will ich einen Porsche Fahren“, sozusagen als Symbol des Erreichten. Motivationstrainer finden das immer superwichtig, sich solche Ziele zu setzen, denn sie wollen ja noch mehr Seminare verkaufen und da ist es immer ganz gut, den Menschen die Angel mit der Möhre vor die Nase zu halten.

Egal ob es dieser Porsche ist oder etwas anderes, das Sie haben wollen, es beginnt nun – oft ganz unbewusst – eine Jagd auf diesen Besitz. Kaum hat sich der Wunsch verfestigt, stellt sich bei Fred nämlich ein Gefühl des Mangels ein: „Mensch, da fahren so viele mit einem Porsche durch die Stadt und einige der Fahrer sind ganz sicher noch nichtmal 40!“

Starke Wünsche erzeugen ein Gefühl des Mangels wo keiner ist

Je stärker der Wunsch nach diesem Objekt ist, desto ausgeprägter ist das Gefühl des Mangels, wenn man es noch nicht hat. Fred fühlt sich jetzt ärmer oder weniger erfolgreich als diejenigen, die schon einen Porsche fahren. Wenn sich der finanzielle Erfolg nicht recht einstellen will, beginnt er sogar an sich zu zweifeln: Gehe ich den richtigen Weg, um dieses Ziel zu erreichen? Bin ich überhaupt fähig, einen solchen Weg zu gehen?

Ist der Wunsch stark genug, wird Fred die notwendige Extrameile gehen, die Führungsposition bekommen, das Unternehmen gründen, erfolgreich sein. Dann, mit 39 oder 42 hat er es vielleicht tatsächlich geschafft, er kann sich den Porsche leisten. Auf zum Händler, jetzt wird geklotzt und nicht gekleckert!

Endlich steht das gute Stück in der Garage. Garage: Guter Punkt! Denn sein hart erarbeitetes Kleinod will Fred natürlich bestmöglich schützen. Deswegen hat er ihn auch ganz dolle gegen jedes Ungemach versichert und stellt ihn natürlich in die Garage (wegen Hagel, Vogelkacke, Vandalen, vom Sturm entwurzelten Bäumen etc. pp.).

Wenn er ihn irgendwo parkt, achtet er auch darauf, dass er nicht so parkt, dass ihm jemand mit der Türe eine Beule reinhaut – was wäre das für ein Ärger! Und die Waschstraße sollte sich warm anziehen, wenn da nach dem Waschgang irgendwo ein Kratzer ist! So viele Sorgen, die er ohne den Porsche nicht hatte.

Er hegt und pflegt das gute Stück, zahlt Versicherung, Steuer und horrend hohe Inspektionskosten. Aber was soll´s, schließlich hat er sich dafür abgerackert und nun hat er es sich auch verdient! Und es geht hier ja auch um viel mehr, es ist das Symbol seines Erfolgs, das Ergebnis eines jahrelangen harten Weges. Das ist doch nicht nur ein Auto!

Nein, ist es tatsächlich nicht. Es ist ein sogenanntes „extended self“, eine künstliche Erweiterung seines Selbst, das nach außen zum Ausdruck bringt, was er ist und was er hat. Und schon haftet er an seinem Besitz. Dass er jetzt immer weiter gut verdienen muss und damit Freiheiten aufgibt, um diesen Wagen zu halten, steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt.

Anicca* – alles ist vergänglich, auch der umsorgte Porsche

Fred fährt seinen Porsche nun schon seit fast zwei Jahren, er hat mit ihm viele glanzvolle Stunden erlebt. Er ist ihm ans Herz gewachsen. All die Mühe, all die Kosten, all das Bewahren, Erhalten und Beschützen haben sich gelohnt. Und dann: PENG!

Oma Erna hat nicht aufgepasst und ihren weinroten Golf Plus in das Heck seines Schützlings gerammt. Er steigt aus, es sieht nach Totalschaden aus (bei dem Porsche, nicht bei der Oma). Jetzt wird sich die Spreu vom Weizen trennen, denn bei Unfällen mit „nur Blechschaden“ wird sehr schnell deutlich, wer an seinem Besitz anhaftet und wer nicht.

Einige werden den Unfall achselzuckend zur Kenntnis nehmen und sofort verstehen, dass die Versicherung den Schaden regulieren und es einen neuen Wagen geben wird. Fred dagegen rammt Oma Erna verbal ungespitzt in den Boden. Denn die „blöde alte Schachtel“ hat nicht nur seinen Porsche kaputt gemacht, sondern sein ganzes extended self ruiniert, das Symbol seines Erfolgs aus purer Doofheit zerstört – und er wird für viele Wochen ohne Porsche sein!

Diese Emotion zeigt uns deutlich, dass das Auto eben nicht nur ein Haufen Blech für Fred ist. Er hat sich damit identifiziert, es symbolisiert bestimmte Aspekte seines Selbst. Somit hat nicht nur das Blech, sondern auch sein Selbst Schaden genommen.

Den Gipfel solcher Anhaftung kann man auf einer Eigentümerversammlung erleben. Da wird erbittert um Markisenfarben und Allgemeinstromverbräuche gekämpft, da spielt es keine Rolle mehr, ob man die nächsten zwanzig Jahre noch friedlich nebeneinander wohnen kann. Da haften Menschen nicht mehr an ihrem Besitz, sie SIND ihr Besitz!

Dabei sind alle Dinge vergänglich und deshalb wird uns kein Ding dauerhafte Freude bereiten (eine Eigentumswohnung meiner Erfahrung nach wahrscheinlich am wenigsten). Das Problem dabei ist nicht, dass die Dinge vergänglich sind, sondern dass wir sie nicht nur für beständig, sondern sogar für einen beständigen Quell der Freude halten. So lange wir unsere Freude aber an Dingen (oder auch an Menschen) festmachen, werden wir erleben, dass diese Freuden endlich und mit Frustrationen und Enttäuschungen verbunden sind.

Gier und Anhaftung verführen uns zu moralisch falschem Verhalten

Schlimmer noch: Haften wir daran, werden wir vielleicht sogar zu moralisch falschem Verhalten verführt, um in den Besitz einer Sache zu kommen oder diese zu beschützen. Die Zeitungen sind jeden Tag voll von diesen Entgleisungen: Raub und Diebstahl („Ich will dieses Ding“), Stalking („Ich will diese Frau“), Mord („Wenn ich sie nicht habe, soll sie keiner haben“). Die Wurzel des Übels ist immer die Gier nach oder die Anhaftung an etwas Vergänglichem.

Wie immer hat Buddha diese Wahrheit in wenigen knappen Worten zusammengefasst (von Urga erbetenes Sutra):

Was wir hergeben, ist unser.
Was wir behalten, ist nicht unser.
Was wir hergeben, hat Wert.
Was wir behalten, hat keinen Wert.
Was wir hergeben, brauchen wir nicht zu schützen.
Was wir behalten, müssen wir schützen.
Was wir hergeben, macht keine Sorgen.

Was wir behalten, macht Sorgen.
Was wir hergeben, führt auf direktem Weg zum Erwachen.
Was wir behalten, führt als Nächstes zu schädlichen Handlungen.
Was wir hergeben, bringt Wohlstand.
Was wir behalten, bringt keinen Wohlstand.
Was wir hergeben, wird zu einem unerschöpflichen Schatz.

Was wir behalten, wird sich erschöpfen.
Was wir behalten, führt als Nächstes zu Negativität.
Was wir hergeben, führt auf direktem Weg zur Erleuchtung.

Dass Buddha nicht grundsätzlich etwas gegen Wohlstand und Besitz einzuwenden hatte, zeigt der folgende Vers:

„Als der Beste unter jenen, die Sinnenfreunden und Reichtum genießen, wird derjenige gepriesen, der seine Besitztümer rechtmäßig erwirbt, der bereit ist, sie mit anderen zu teilen, und der seinen Reichtum frei von Gier und Anhänglichkeit nutzt, weil er sich der Gefahren des Anhaftens bewusst ist.“

So vermeiden Sie Anhaftung an Besitz und erlangen mehr persönliche Freiheit

  1. Wann immer Sie einen Mangel verspüren, fragen Sie sich intensiv, ob dieser Mangel wirklich real ist. Wenn man in Deutschland lebt, wird es sich in 99,9 Prozent der Fälle um keinen echten Mangel handeln, sondern der Mangel entsteht aus einem zu starken Wunsch nach etwas oder durch den Vergleich mit anderen oder weil der Mangel, z.B. durch Werbung, künstlich erzeugt wurde.
  2. Bevor Sie sich einen Wunsch erfüllen, denken Sie darüber nach, was Sie sich wirklich davon versprechen. Bedenken Sie alle Folgekosten, Sorgen, Verlustängste und bewerten Sie dann, ob der Wunsch es wirklich wert ist, erfüllt zu werden.
  3. Üben Sie das Loslassen von Besitz. Geben Sie regelmäßig etwas davon ab, spenden Sie Sachen oder Geld. Je öfter Sie das tun, desto leichter fällt es Ihnen, sich von Besitz zu trennen, keinen neuen anzuhäufen und an neuem Besitz nicht mehr anzuhaften.
  4. Machen Sie sich bewusst, dass alles vergänglich ist und nichts Bestand hat. Dinge werden alt, gehen kaputt oder werden zerstört. Menschen sterben oder wenden sich ab. Denken Sie noch weiter: Die ganze Erde, auch unser Sonnensystem, sogar das Universum wird irgendwann vergehen, nichts exitsiert für die Ewigkeit. Diese Sichtweise lässt einen viel entspannter mit Wünschen und Besitz umgehen.

 

*Eins der drei Daseinsmerkmale im Buddhismus (Anicca, Dukkha, Anatta), das besagt, dass alles vergänglich ist und nichts von Bestand. Daher führt die Anhaftung (Upadana) an Dingen unweigerlich zu Leid.

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