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Der Helferberuf: Darum Ist „was Mit Menschen“ Nicht Unbedingt Sinnstiftender

Der Helferberuf: Darum ist „was mit Menschen“ nicht unbedingt sinnstiftender

Viele Menschen, die sich beruflich verändern wollen, möchten gerne „was mit Menschen“ machen. Doch ist ein Helferberuf wirklich der richtige Weg? Hier findest du überraschende Antworten.

Lebensmitte. Rückschau. Viele Excel-Tabellen wurden befüllt, Meeting-Stühle platt gesessen, Powerpoints an Wände geworfen. Habe ich was bewegt? Habe ich einen Beitrag geleistet? So manchem bohrt sich diese Frage in den Kopf.

Und dann fragen wir uns, ob da nicht etwas ist mit mehr Sinn, mehr Erfüllung, mehr Beitrag. Etwas das anderen hilft. Eben was mit Menschen, nicht mit Excel-Tabellen und Konferenz-Cola-Fläschchen.

Helfen, etwas bewegen, da sein, wo man wirklich gebraucht wird. Ein Traum, der so nicht stimmt – das weiß ich aus eigener Erfahrung und aus unzähligen Gesprächen mit Menschen in Helferberufen.

Natürlich trifft man dort viele zufriedene Menschen, aber im fahlen Licht des Alltags erstrahlen diese Berufe dann doch nicht mehr ganz so hell. Bevor du dich in ein Abenteuer stürzt – so wie ich es tat – lies was ich erlebt und erfahren habe.

Blaulicht-Berufe

Feuerwehr

Am glücklichsten sind die Berufsfeuerwehrleute. Zu diesem Schluss muss ich nach vielen Gesprächen einfach kommen. Teamwork, Korpsgeist, spannende Aufgaben. Retten, helfen, da sein. Die Zufriedenheit in diesem Helferberuf ist tatsächlich groß.

Bereite dich optimal auf einen beruflichen Wechsel vor und vermeide häufige Fallstricke.

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Lediglich das schwieriger werdende Klientel, vor allem wenn man auf dem Rettungswagen sitzt, ist ein Wermutstropfen. Da wird man auch schonmal angepöbelt oder sogar körperlich angegriffen. Respektlos. Unschön.

Und klar, da gibt es Menschen, die den Krankenwagen nachts wegen Sodbrennen rufen oder Anblicke, die man nicht mehr vergessen kann. Woanders wird vielleicht auch mehr verdient, aber glücklich sind sie, die Berufsfeuerwehrleute.

Polizei

Ganz anders bei der Polizei – deinem „Freund und Helfer“. Angetreten als Ritter der Landstraße, als Kämpfer für das Gute und gegen das Böse. Irgendwo zwischen 30 und 40 ist die Desillusionierung bei vielen komplett. Kein Ritter mehr. Kein Kämpfer mehr. Nur immer öfter ein Krankenschein.

Ich habe viel erlebt mit der Polizei in neun Jahren Opferhilfe. Egal was sie tun, sie sind fast nie die netten Onkel (wie die Feuerwehr), sie sind immer die Bösen. Nie da, wenn man sie braucht, aber ganz sicher da, wenn man sie gerade gar nicht gebrauchen kann.

Sie lassen sich für unsere Sicherheit beschimpfen und sogar angreifen, der mangelnde Respekt macht ihnen schwer zu schaffen. Und noch mehr, dass sie kaum etwas dagegen tun können. Dazu viele viele Einsätze, die einfach gar nichts bedeuten oder bei denen man nichts, aber auch gar nichts, bewegen kann – dafür umso mehr schreiben muss.

Opfer, die man zurücklassen muss. Täter, denen nicht beizukommen ist. Personalmangel, Stress, unverständliche Entscheidungen der Justiz und kein Rückhalt in der Politik. Wer bei der Polizei NRW ist, muss damit leben, evtl. nur einmal im Leben befördert zu werden. Ein einziges Mal. Das wird für viele Polizisten die Realität sein.

Ein sicherer Job und – zumindest im Wach- und Wechseldienst – wenig Langweile stehen dagegen genauso auf der Haben-Seite wie die Möglichkeit spannende Nischen zu besetzen – von der Hunde- und Reiterstaffel bis zum Opferschützer. Diese sind allerdings rar gesät und bleiben für die meisten ein Traum.

Die Wahrheit ist: Es gibt kein Großstadtrevier, keinen Tatort und erst recht kein CSI:NY oder Miami Vice. Das alles gibt es nur in den Köpfen von 17jährigen, die sich bei der Polizei bewerben – als Kämpfer für das Gute und gegen das Böse… (Buchempfehlung: „Bad Cop“ von Paul Bacon)

Psychosoziale Helferberufe

Nicht nur über die Opferhilfe hatte ich hier viele Einblicke. Im Rahmen eines Sabbaticals hatte ich mich neben der Opferhilfe verpflichtet, bei einem sozialen Träger in Teilzeit als „Arbeitgeber-Kontakter“ neue Jobs für Hartz IV-Empfänger über 50 Jahre zu finden.

So wollte ich einen Beitrag leisten und gleichzeitig nebenbei mein Coaching-Business aufbauen. Mit Feuereifer stieg ich ein. Ohne zu ahnen, wie viel mir die Freiheiten bedeuteten, die ich vorher hatte. Mittags zum Italiener? Vertrauensarbeitszeit? BYOD iPhone und MacBook? Fehlanzeige.

Die Uhren ticken hier anders. Vor allem die Gehaltsuhr: Unterschätze niemals die Bedeutung von Geld im Angesicht deines flammenden Idealismus! Geld ist ziemlich wichtig – ob man es nun wahrhaben will oder nicht.

Dazu kamen die Menschen, denen man helfen sollte. Nicht wenigen davon konnte man gar nicht helfen, weil ihnen einfach nicht zu helfen war – das kannte ich schon aus der Opferhilfe. Ich hatte es fast ausschließlich mit einem sehr schwierigen Klientel zu tun, das alles tat, um die gefundenen Stellen nicht annehmen zu müssen. Das ist frustrierend.

Menschen, denen ich wirklich hätte helfen können, durfte ich nicht „zu viel“ helfen. Zeitkontingente, Geldkontingente, Barmherzigkeitskontingente. Ich gab schließlich auf. Desillusioniert und teilweise auch enttäuscht von den Menschen, denen ich helfen wollte.

Bei allen sozialen Trägern gibt es ähnliche Herausforderungen, wenn auch nicht immer in dieser Intensität. Und es gibt Menschen, die gut damit leben können. Die Frage ist, ob du es auch kannst. Ob deine Frustrationstoleranzgrenze hoch genug und deine Erwartungshaltung realistisch genug ist.

Natürlich habe ich Menschen geholfen. Bei diesem Träger genauso wie in der Opferhilfe. Doch auf Dauer überwogen für mich persönlich die Nachteile und Zweifel. Du wirst helfen, ja. Aber weniger als du denkst. Und vor allem anders als du denkst.

Ist Coach ein Helferberuf?

Ja, ist es. Man hilft Menschen. Aber wieder ist es anders. Die Flucht ins Coach-Dasein ist eine Idee, die man häufig hört, aber sie ist bei weitem nicht so einfach umsetzbar wie sich viele das vorstellen.

Coach werden heißt investieren. In Ausbildung, in Wissen, in Webseiten, in Zeit. Man kann nicht einfach Flyer drucken und beim Frisör hinstellen und hoffen, dass man Klienten bekommt. So wird das garantiert nichts.

Ohne ein Spezialgebiet, auf dem du nachweislich Erfahrungen hast, kannst du da draußen nicht punkten. Es gibt über 8.000 Coaches in Deutschland, den Wald- und Wiesen-Coach braucht ganz sicher niemand mehr.

Du möchtest es besser machen und als Coach professionell neue Kunden gewinnen?

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Aus meinen Coaching-Lehrgängen kenne ich nur noch eine, die wirklich aktiv ist – aber ihr Geld im Wesentlichen mit anderen Dienstleistungen verdient. Ohne Kenntnisse in Vertrieb und Marketing ist es eben schwierig, sich selbst zu verkaufen.

Den ganzen Tag Menschen helfen? Als Coach bist du gerade am Anfang weit davon entfernt. Du wirst erstmal wenig Klienten haben und dafür umso mehr Zeit – und auch Geld – in Weiterbildung und Marketing investieren müssen. Hast du es einmal geschafft, ist Coach tatsächlich ein schöner Helferberuf.

Die Wahrheit ist: Du hast schon einen Helferberuf

Mein Ziel mit diesem Artikel war nicht, dir einen Helferberuf auszureden. Ich habe mich vor allem auf die Schattenseiten konzentriert, damit du dir ein realistisches Bild machen und deine Vorstellungen in ein alltagstaugliches Licht rücken kannst.

Wenn du gedanklich wieder von einem Helferberuf abrückst, musst du nicht schwermütig werden. Jeder von uns hat einen Helferberuf und jeder von uns arbeitet mit und für Menschen. Jeden Tag.

Auch wenn wir oft das Gefühl haben, nichts zu bewirken, tun wir das im Alltag in Wahrheit andauernd. Wir arbeiten zu, wir bedienen oder betreuen Kunden und helfen Kollegen. Es ist viel weniger wichtig, was wir tun, als wie wir es tun.

Entscheidest du dich, jeden Tag den Menschen, die direkt mit dir zu tun haben, mit einem Lächeln und einer helfenden Hand entgegenzutreten, entscheidest du dich dafür, einen Helferberuf auszuüben – egal was auf deiner Visitenkarte steht.

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