Mit Autosuggestion und Meditation den Tinnitus heilen

Mit Autosuggestion und Meditation den Tinnitus heilen

Mein Tinnitus hat mich vor 15 Jahren im wahrsten Sinne des Wortes fast umgebracht. Und obwohl die Ärzte keine Chance auf Heilung sahen, fand ich einen Weg.

Wir schreiben das Jahr 2002. Ich hatte allen Grund stolz zu sein auf das was ich bis dahin erreicht hatte. Ich hatte einen sehr gut bezahlten Job, fuhr einen stattlichen Firmenwagen und hatte mir gerade eine Eigentumswohnung in bester Lage in Düsseldorf gekauft.

Aber von nichts kommt natürlich nichts und so hatte ich für diesen Erfolg lange und hart gekämpft, war Risiken eingegangen und bin in kälteste Wasser gesprungen. Job und Geld waren die zentralen Lebensthemen und auf den ersten Blick schien alles in die richtige Richtung zu laufen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich schon lange nicht mehr im Gleichgewicht war.

Eines Nachts wachte ich plötzlich auf und hatte einen penetranten, leicht dröhnenden Ton im Ohr. Im ersten Moment dachte ich, dass irgendwo eine Maschine läuft, doch es wurde mir schnell klar, dass der Ton direkt aus meinem Ohr selbst kommt.

Ich mutmaßte, dass es vielleicht dieses „Blutdruck-Piepen“ sein könnte, doch das Geräusch war ganz anders, irgendwie dunkler und bedrohlicher. Nach zwei oder drei Tagen wurde mir klar, dass sich dieses Thema leider nicht von selbst erledigen würde.

Am Wochenende beschloss ich, in die HNO-Abteilung der Uniklinik zu fahren, ich hielt es einfach nicht mehr aus und konnte kaum noch schlafen. Nach einem kurzen Check war klar, dass keine physischen Schäden aus einem Knalltrauma o.ä. vorlagen. Ich bekam einen weiteren Termin für das Hörlabor und auf dem Zettel stand die Diagnose: Tinnitus.

Tinnitus – sowas haben doch immer „die anderen“

Das war genau so eine Diagnose, die in meinen Augen immer „die anderen“ trifft. Ich war sehr niedergeschlagen, an Schlaf war mit diesem Ton kaum noch zu denken. Er war sogar lauter geworden, so dass ich ihn nicht nur in ganz ruhigen Umgebungen wahrnahm.

Ich versuchte zu arbeiten, doch ich konnte mich einfach nicht mehr konzentrieren. Ich war übermüdet, gereizt und meine Gedanken drehten sich nur darum, ob der Ton noch da ist – was ich ständig testete, indem ich mir die Ohren zuhielt.

Zwischendurch nahm ich verschiedene Arzttermine wahr. Im Hörlabor konnte man sogar die Frequenz des Tons bestimmen, was technisch spannend, aber ansonsten wenig hilfreich ist. Mein Hausarzt versuchte mir mit einer Mischung aus Infusionen und Akupunktur Hoffnung zu machen.

Doch das einzige was half, waren laute Kneipenabende. Denn das Rauschen, das man danach für einen Tag im Ohr hat, maskierte den Tinnitus. Ein fataler Zusammenhang, denn so wurde man ständig verführt sich mit lauter Musik und Bier zuzudröhnen, um irgendwie Ruhe vor diesem Ton zu haben.

Schlafen ging nur noch mit Wein und Schlaftabletten

Damit ich endlich wieder schlafen konnte, verschrieb mir mein Hausarzt Schlaftabletten, Zopiclon. Eins vorweg: Lassen Sie sich nie nie nie dazu überreden! Die weitere Entwicklung war nämlich fatal.

Ich musste mich krankschreiben lassen, an Arbeiten war nicht mehr zu denken. Ich war schlicht und einfach fertig. Um irgendwie klarzukommen, schüttete ich mir abends Rotwein rein und nahm zum krönenden Abschluss eine von den Schlaftabletten.

Es waren nun drei oder vier Wochen ohne Besserung vergangen und es sollte noch schlimmer kommen, denn plötzlich hörte ich den Tinnitus sogar auf beiden Seiten. Es war ein einziger Albtraum, der mich zwang meine Krankschreibung immer weiter zu verlängern.

Existenzängste trieben mich um. Die hohe Belastung durch die Wohnung musste schließlich bezahlt werden und wie sollte das alles weitergehen, wenn dieser Ton für immer bleibt? Zu allem Unglück wollte mir mein Hausarzt die Schlaftabletten nicht mehr verschreiben und ich fing an sie auf verschlungenen Pfaden im Internet zu bestellen.

Nach etwa acht Wochen hatte ich einen absoluten Tiefpunkt erreicht. Ich konnte nicht mehr, ich hoffte nur noch auf den Abend mit Wein und Schlaftablette, um wenigstens für ein paar Stunden nicht mehr existieren zu müssen. Hätte mir jemand in dieser Zeit eine geladene Pistole gegeben, könnte ich diesen Text nicht mehr schreiben, so viel ist sicher.

Mein Hausarzt verschrieb mir daraufhin Anti-Depressiva und gab mir eine Überweisung für einen Psychotherapeuten. Bei Letzterem nahm ich drei Stunden in Anspruch, aber ich war mental so weit davon entfernt, mich überhaupt mit irgendwelchen Problemen auseinanderzusetzen, dass ich es danach sein ließ.

Ein seltsamer Effekt brachte die Erkenntnis

Die Anti-Depressiva hatten zig schwere Nebenwirkungen gegen die ich dann wiederum ein anderes Mittel bekam. Nach drei Wochen fingen sie tatsächlich an zu wirken. Es fühlte sich komisch an. Es war hell in meinem Kopf, obwohl sich meine Seele immer noch dunkel anfühlte.

Ich spürte, dass ich eigentlich Probleme habe, die ich im Kopf bearbeiten müsste, aber irgendwie kam ich nicht mehr an sie ran. Das war ein Gefühl, als hätte man meine Dämonen in den Keller gesperrt. Sie nerven dann nicht mehr in der Wohnung, aber man weiß, dass sie unbesiegt da unten rumoren und an den Käfigtüren rütteln.

Dieser seltsame Zustand machte mir klar, was ich vorher nicht wahrhaben wollte: Dieser Tinnitus kam nicht aus dem Nichts oder von bloßem Stress, sondern weil ganz ernsthafte Dinge in meinem Leben in Schieflage waren – da gab es Dämonen, die besiegt werden mussten, mir war nur noch nicht klar welche das waren.

Mehr als drei Monate waren nun vergangen und ich beschloss – entgegen dem Rat meines Arztes – alle Medikamente sofort abzusetzen. Ich warf sie einfach alle in die Mülltonne – von jetzt auf gleich. Ich wollte diese Wirkung nicht mehr, ich wollte mich wieder „richtig“ spüren, um mich dem Ursprung meiner Krise nähern zu können.

Die Ärzte brachten mir derweil behutsam bei, dass ich mit diesem Ton für immer leben müsste. Doch meine Erkenntnis, dass der Tinnitus einen klaren Grund haben muss, stärkte meine Überzeugung, dass er verschwinden würde, wenn dieser Grund beseitigt wäre.

Mein erster Schritt war, den Alkohol runterzufahren, um den Geist wieder in einen brauchbaren Zustand zu versetzen. Auf die Schlaftabletten konnte ich allerdings noch nicht verzichten. Zu süß war der metallische Geschmack am Gaumen, der mich jeden Abend in den sicheren Schlaf beförderte. Kein Hören mehr, kein Denken mehr. Ein kurzer Tod. Ruhe.

„Loslassen ist der Schlüssel zum Glück“ -Buddha

Ich ließ die Arbeit los, denn mir war klar, dass daran sowieso nicht zu denken war, so lange ich diese Probleme nicht im Griff hatte. Es macht einem Angst so lange krank zu sein. Wie soll das werden? Wann kann man wieder arbeiten? Wie lange macht der Arbeitgeber das mit?

All diese Gedanken ließ ich los. Die Lösung des Problems musste die erste Priorität sein, alles andere war zweitrangig. Als erstes sah ich mir genau an, wie ein Ohr von innen aussieht und wo der Hörnerv verläuft. Ich wollte so genau wie möglich wissen, an welcher Stelle in meinem Kopf der Ton entsteht.

Dann folgte ich einfach einem Gefühl und obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas von Autosuggestion gehört hatte, legte ich mich auf eine Matte ins Wohnzimmer und ließ eine CD von Oliver Shanti laufen. Denn auch wenn ich Ruhe brauchte, musste ich den Ton im Ohr irgendwie maskieren, um mich zu konzentrieren.

Ich schloss die Augen, genoss die Überblendung des Tinnitus durch die Musik und ließ einfach die Bilder zu, die in meinem Geist entstanden. Dabei handelte es sich ausschließlich um Naturbilder, in der Regel ein Wald, mal mit Regen, mal mit einem Berg im Hintergrund, immer mit Tieren darin.

Die Bilder wirkten überaus beruhigend auf mich. Je mehr ich das zuließ, desto mehr hörte ich auf zu denken. Manchmal war da einfach nur noch dieses Bild und ein Gefühl, aber kein Gedanke mehr. Ich wurde deutlich ruhiger. Der Tinnitus verschwand zunächst aber noch nicht.

Ich beschloss daher, das Ohr mehr in den Fokus zu rücken. Ich übertrug das beruhigende Gefühl der Bilder gezielt auf meinen Hörnerv. Ich stellte mir bildlich vor, wie sich eine der Pflanzen begann, sanft um meinen Hörnerv zu ranken und ihre heilende Wirkung zu entfalten.

Die Kraft der inneren Bilder

Dieses Bild ließ ich im Einklang mit der Musik entstehen. Dabei spürte ich immer mehr meinen Solarplexus und wie Kraft aus ihm zu kommen schien. Gedanklich führte ich diese Kraft direkt an meinen Hörnerv. Glauben sie es oder nicht, aber man kann diese Energie spüren und man kann das tatsächlich steuern. Ich kann diese Energie bis heute bewusst erzeugen.

Ich machte diese Übung täglich über mehrere Stunden, manchmal bis zu sechs Stunden lang und es vergingen viele Tage, an denen sich an meinem Tinnitus nichts veränderte. Dennoch stresste mich der Ton nicht mehr so sehr, denn ich war sicher, auf dem richtigen Weg zu sein.

Auf diese Weise vergingen drei oder vier Wochen. Ich war mittlerweile ein Meister darin, die Bilder und Kräfte anzunehmen und wirken zu lassen und dann geschah ein kleines Wunder: Der Tinnitus veränderte sich. Er war nicht mehr so dröhnend, er hatte kleine Unterbrechungen.

Derart ermutigt setzte ich die Übungen mit noch höherer Intensität und Dauer fort und schon nach sehr kurzer Zeit war der Tinnitus tatsächlich ganz verschwunden. Mein Geist hatte über die Prognose der Ärzte gesiegt und ich fühlte mich so unbeschwert wie selten in meinem Leben.

Der Tinnitus als Freund und Helfer

Doch nicht nur die Kraft der inneren Bilder hatte dazu beigetragen. Mit einem ruhigeren Geist war ich während dieser Wochen endlich auch wieder in der Lage meine Probleme mit Abstand zu betrachten. Ich überprüfte meinen Lebensweg und glich ihn mit meinen wahren inneren Zielen ab.

Ich hatte Geld und Job viel zu stark in den Mittelpunkt gerückt. Ich hatte angefangen, mich komplett darüber zu identifizieren und andere wichtige Werte und Ziele verdrängt. Jedes Job-Problem wurde damit zu einem ganz persönlichen Problem – und der IT-Branche fing es gerade an ziemlich schlecht zu gehen.

Die Dotcom-Blase war geplatzt, ein Merger stand bevor, eventuell auch Entlassungen. Ausgerechnet jetzt, wo ich mich mit der Immobilie in langjährige Verpflichtungen begeben hatte. All diese Faktoren hatten offensichtlich schleichend zu einer inneren Überlastung geführt und den Tinnitus schließlich ausgelöst.

So abgeklärt kehrte ich endlich in die Firma zurück. Einzig die Schlaftabletten verfolgten mich noch etwas länger, weshalb ich hier so ausdrücklich davor warnen möchte. Doch der Weg in Richtung Meditation war nun geebnet und ich ging ihn kosequent weiter.

Der Tinnitus wurde über die Zeit mein Freund. Denn er kehrt dann und wann zurück um mich zu warnen. Wenn ich auf ihn höre, geht er wieder.

There are 2 comments for this article
  1. Herr M21er at 23:02

    Hallo Frank,

    Dein ehrlicher Bericht über Deinen Leidensweg hat mich sehr berührt.

    Auch ich habe schon seit Jahrzehnten einen – zum Glück nur leichten – Tinnitus im linken Ohr.
    Angefangen hat dieses Ohrensausen, als ich noch studiert habe. Damals empfand ich es nicht so, aber heute weiß ich: ich habe mir in dieser Zeit sehr viel zugemutet: Das Studium an sich, mein Job als Hilfskraft bei meinem Professor und zusätzlich noch mehrere Nachtschichten pro Monat in der Telefonhotline eines Internetproviders – teilweise fast 10 Stunden am Stück. Außerdem waren wir oft und gerne feiern – auch in lauten Clubs. Eine gefährliche Mischung. Und plötzlich war der Tinnitus da – seitdem ist er auch geblieben.

    Zum Glück ist er bei mir so leise, dass ich ihn nur in Ruhephasen höre. Meist nehme ich ihn nicht oder nicht als störend wahr. Deshalb konnte ich mich recht leicht mit ihm anfreunden. Was Du in Deinem Artikel schilderst, ist mir glücklicherweise vollkommen erspart geblieben. In der ersten Zeit habe ich es noch mit Akkupunktur probiert, aber das hat keine Veränderung gebracht.

    Ähnlich wie bei Dir begleitet mich der Tinnitus nun als mein persönliches Frühwarnsystem: Nehme ich ihn beim Einschlafen abends im Bett (als störend) wahr, weiß ich spätestens, dass mein Stresslevel (viel) zu hoch ist.
    Leider fällt es mir jedoch im alltäglichen Trubel oftmals schwer, entsprechend gegenzusteuern. Auch hier hat mich Dein Artikel nachdenklich gemacht: Denn obwohl ich schon mehrfach selbst gespürt habe, wie gut mir z.B. die Muskelentspannung nach Jacobson tut, schaffe ich es nicht, solche meditativen Übungen regelmäßig in meinen Alltag zu integrieren. Aber es ist bekanntlich nie zu spät… 😉

    Alles Gute und beste Grüße
    Michael – Herr M21er

    • Frank Author at 09:48

      Hallo Michael,

      ganz lieben Dank für Deinen Kommentar! Gut, dass Du den Tinnitus auf Deine Weise so ziemlich im Griff hast.

      Was die meditativen Übungen angeht: Da ist es in der Tat schwer das neben Arbeit und Familie konsequent umzusetzen. Ich versuche mir wenigstens eine halbe Stunde am Tag dafür zu nehmen. Bei Dienstreisen ist aber auch das oft nicht möglich.
      Dass ich damals die Zeit dazu hatte, gab mir die Chance herauszufinden wie stark unser Geist sein kann – und diese Stärke zu nutzen, dafür ist es in der Tat niemals zu spät!

      Viele Grüße
      Frank

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