skip to Main Content
Vom Controlling Zur Whiskybar — Eine Geschichte über Das Aussteigen

Vom Controlling zur Whiskybar — Eine Geschichte über das Aussteigen

Pommesbude, Schafzucht, Irish Pub – das sind die Träume vom Aussteigen, die über die Büroflure hallen, wenn es mal wieder nicht läuft. Werner Hoffrichter hat sich den Traum von der Whiskybar erfüllt. Ein Interview.

Die besten Geschichten findet man ganz unverhofft. So geschah es auch beim Whisky-Tasting, als sich der Besitzer der Barrensteiner Whiskybar, Werner Hoffrichter, kurz an unseren Tisch setzte und quasi beiläufig erwähnte, dass er vorher viele Jahre im Controlling bei einer großen Firma in Leverkusen gearbeitet hatte.

Natürlich wollte ich sofort die ganze Geschichte hören, die wirklich reich an Erkenntnissen über das Aussteigen und die Erfüllung von beruflichen Träumen ist.

Ich freue mich daher sehr, dass sich Werner zu diesem Interview bereit erklärt hat. Es fand bereits 2013 statt und wurde schon auf meinem damaligen Blog veröffentlicht.

FS: Werner, erstmal vielen Dank für deine Offenheit und Bereitschaft zu diesem Artikel! Magst du uns zunächst kurz von deinem „alten Leben“ vor der Whiskybar berichten“?

WH: Sehr gerne, das ist auch schnell erzählt. Ich hatte damals das Studium zum Physik-Ingenieur abgeschlossen und arbeitete Anfang der Achtziger zunächst bei zwei kleineren Unternehmen in Düsseldorf, in denen ich mich mit Dingen wie „iterativen Berechnungen von Bruchwahrscheinlichkeiten keramischer Baustoffe“ beschäftigte.

Eine Dienstreise führte mich zufällig zu der neuen Firma, in der man mich auf eine vakante Stelle aufmerksam machte, die ich aber erstmal ablehnte. Meine Frau hat mich abends fast für verrückt erklärt und gesagt, ich solle da bloß morgen nochmal anrufen: „Wir haben mittlerweile drei Kinder und du solltest dir langsam mal was ´Ordentliches´ suchen!“

Werner Hoffrichter in seiner Barrensteiner Whiskybar

Werner Hoffrichter in seiner Barrensteiner Whiskybar

FS: Du bist dann dem Rat deiner Frau gefolgt. Man hätte dann auch sagen können: Alles so gut wie sicher bis zur Rente, oder?

WH: Zunächst sah es in der Tat danach aus. Neun Jahre lang arbeitete ich auf dieser Stelle, dann nochmal zehn Jahre im Rohstoffkosten-Controlling. In den letzten Jahren war mir der Spaß an der Arbeit allerdings immer mehr abhanden gekommen und ich fragte mich, ob ich nicht nochmal was anderes machen könnte.

So war es für mich eher ein Glücksfall als ich merkte, dass der Firma daran gelegen war, den „Ü50-Mitarbeitern“ ein vorzeitiges Ausscheiden schmackhaft zu machen. Ich hatte die 50 gerade erreicht und habe ehrlich gesagt nicht lange nachgedacht, als man mir 2008 eine ordentliche Abfindung anbot.

FS: Hattest du denn da schon einen Plan für die Zeit danach?

WH: Schon seit 1995 mache ich Auftritte mit dem Dudelsack, fast genauso lange gebe ich Dudelsack-Unterricht. Das auszubauen war mein Plan. Zusätzlich hatte ich noch die Idee, mir mit einem 1938er Rolls Royce, den ich mir zulegte, ein zweites Standbein als Hochzeitsfahrer aufzubauen, da ich in den Sommermonaten samstags sowieso immer vor Kirchen stehe, um bei Hochzeiten Dudelsack zu spielen.

FS: Was hielt denn dein Umfeld von diesen doch sehr umwälzenden Plänen?

WH: Die Familie hat mich von Anfang an unterstützt, auch wenn z.B. meinen Kindern klar war, dass sie sich das Geld für das Studium nun selbst verdienen müssten. Aber das musste ich selbst damals schließlich auch, ich hatte da keine Gewissensbisse. Außerdem war ich von meinen Ideen überzeugt, mich hat nicht so sehr interessiert wie andere das finden, auch wenn es hier und da kritische Äußerungen gab.

Allerdings überraschte mich mein Vater, der selbst 45 Jahre in dieser Firma gearbeitet hatte, am meisten mit seiner ‘Kritik’: „Da aufhören?!?! … Aber genaugenommen hast du bis jetzt noch immer alles richtig gemacht“.

Mit Zweiflern im Freundes- und Bekanntenkreis hatte ich es auch zu tun, aber das hatte keinen Einfluss auf meine Entscheidung, es amüsierte mich eher. Es ist auch so, dass sich der Kontakt zu diesen Menschen mit der Zeit verloren hat, da wir eine zu verschiedene “Denke” und Lebenseinstellung haben.

FS: Wie so oft wurden die Pläne dann aber doch vom Leben eingeholt. Wie kamst du letztendlich zu der Bar und den Whisky Tastings?

„Die Bar war eigentlich Zufall und zunächst gar nicht geplant“

WH: Das war eigentlich Zufall. Ein befreundeter Dudelsack-Schüler bemerkte, dass sich der vor über 100 Jahren als Stall konzipierte und als „Wohnzimmer im Stil eines Pubs” umgebaute Raum, in der heute die Bar ist, gut für Feiern anbieten würde. Da hat es Klick gemacht und die Idee zur Whiskybar war geboren.

Zum Glück fanden Bau- und Ordnungsamt die Idee genauso gut. Auch die Nachbar-Eigentümer unterstützten mich mit der Zustimmung zur Nutzungsänderung.

Dass ich allerdings selbst abends in der Bar stehen würde und die Gäste mit schottischen Anekdoten und Dudelsack-Einlagen beim Tasting unterhalten würde, hatte ich mir zu dem Zeitpunkt nicht ausgemalt. Es kam aber so und ist heute ein guter Teil meines Erfolgs.

Die als Geschäftsmodell angedachten Hochzeitsfahrten entwickelten sich auch gut, allerdings anders als ich dachte: der Rolls stand immer vor einer anderen Kirche als ich mit dem Dudelsack, sodass ich immer einen Fahrer brauchte.

Dieses Geschäft gebe ich nun auf und verkaufe den Rolls, um mir lieber einen „Vintage Lorry“ als zweites Auslieferungsfahrzeug für die Bar zu kaufen. Das erste ist ein kleiner Morris Minor Traveller, der aber nicht mehr ausreicht.

FS: Apropos Erfolg, was war dein ganz persönliches Rezept?

WH: Zunächst ist klar, dass es für die Idee einen Markt geben muss. Da war ich mir sicher, denn neu ist die Idee zu einer Whiskybar natürlich nicht. Gut war sicherlich auch, dass es in der Umgebung nicht allzu viele Wettbewerber gibt.

Als viel wichtiger sehe ich aber die Authentizität an mit der man das Geschäft betreibt. Und die hat man nur, wenn man etwas macht, woran man wirklich Spaß hat. Es bringt in meinen Augen wenig, wenn man etwas startet was vielleicht viel Geld verspricht, das man aber nicht von ganzem Herzen gerne macht.

FS: Was schätzt du an deiner Arbeit heute am meisten im Gegensatz zu deiner Zeit bei der Firma in Leverkusen?

WH: Vor allem, dass ich meist das tun kann, wozu ich Lust habe. Es macht mir wirklich Freude, dass ich alles selbst gestalten kann, z.B. welche Musik ich auswähle, welche Musiker ich engagiere oder welche Whiskys ich in welcher Serie anbiete. Auch, dass ich mir ein Netzwerk aus Leuten aufbauen kann, die ich mag, macht mir wirklich Spaß.

FS: Hand auf´s Herz: Hast du je gedacht „wäre ich mal bei der alten Firma geblieben?“ Vermisst du nichts aus dieser Zeit?

WH: Das habe ich wirklich nicht eine Sekunde gedacht. Ich vermisse lediglich die Mittagessen mit befreundeten Kollegen von damals. Das waren aber die, bei denen man nicht über die Arbeit, sondern über Privates sprach. Ich hätte aber mein neues Leben zu keinem Zeitpunkt wieder zurücktauschen wollen.

FS: Was war denn für dich das Schwierigste an deinem Ausstieg?

„Oft dient ein hohes Gehalt nur dazu, andere Dinge zu kompensieren“

WH: Man muss schon bereit sein, sich umzustellen. Ich habe als “Leitender“ sehr gut verdient und musste erstmal lernen mit viel weniger auszukommen. Ich kann jetzt nicht mehr einfach fünf mal im Jahr nach Schottland fliegen, wenn mir danach ist.

Andererseits lebt man auch wieder bewusster, was ich nicht schlecht finde. Wenn ich im Leben zurückdenke war die Studienzeit eine der besten meines Lebens und da kam man finanziell immer gerade so hin.

Außerdem habe ich im Leben gelernt, dass ein hohes Gehalt oft nur dazu dient, andere Defizite zu kompensieren. Von Themen wie Neid etc., die daraus entstehen, mal ganz abgesehen.

FS: Würdest du sagen, dass jeder es schaffen kann auszusteigen und was Neues zu starten?

WH: Ganz klar nein. Ohne eine gute Idee, Kreativität, Talent und sehr viel Eigeninitiative, aber auch ein bisschen Glück, geht das nicht. Auch die finanziellen Rahmenbedingungen spielen natürlich eine Rolle.

Ich behaupte, dass wirklich nicht jeder für einen solchen Schritt geeignet ist. Ein Ex-Kollege, der es trotz guter Vorbereitung und professioneller Unterstützung mit einem Franchise-Restaurant nicht geschafft hat, sei an dieser Stelle als Beispiel erwähnt.

FS: Was sagst du denen, die seit Jahren unglücklich in ihrem Job festsitzen?

WH: Wenn du die o.g. Voraussetzungen erfüllst, dann steh auf und fang etwas anderes an. Wenn du diese Voraussetzungen nicht erfüllst, dann halte durch, akzeptiere was du hast und arrangiere dich mit den Umständen.

FS: Ein gutes Schlusswort! Werner, ich danke dir für deine Zeit und das wirklich hochinteressante Gespräch!

WH: Sehr gerne, mir hat es auch Spaß gemacht!

Hier geht´s zur Barrensteiner Whiskybar

Wenn du durch das Lesen des Artikels jetzt Durst auf Single Malt Whisky bekommen hast, kannst du Werner auch direkt kontaktieren:

E-Mail: werner.hoffrichter@t-online.de
Telefon: (02181) 75 75 725

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

− 7 = 1

Back To Top